Krampfadern und chronische Venenschwäche verstehen

 

Krampfadern und chronische Venenschwäche verstehen

Orientierung

Nicht für alle hier vorgestellten Behandlungsmöglichkeiten liegen ausreichende wissenschaftliche Studien vor. Deshalb berücksichtigt dieser Artikel neben gesicherten medizinischen Erkenntnissen auch die biologische Plausibilität, naturheilkundliche Erfahrungswerte und praktische Therapieerfahrungen.

Dabei wird auch die manchmal schwierige Versorgungssituation berücksichtigt, etwa lange Wartezeiten auf fachärztliche Termine oder wiederkehrende Beschwerden trotz bereits erfolgter Behandlungen.

Entscheidend ist eine sorgfältige Abwägung des möglichen Nutzens, der individuellen Risiken und der jeweiligen Ausgangssituation. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungswissen werden dabei berücksichtigt, ohne sie gleichzusetzen.

1. Historische Erfahrungen – und was sich verändert hat

Historische Blutegeltherapie und heutige medizinische Behandlung von Venenerkrankungen

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden Blutegel häufig bei Venenentzündungen, Thrombosen und gestauten Beinen eingesetzt. Berichtet wurden rasche Schmerzlinderung, Abschwellung und eine Entlastung des Gewebes. Diese Beobachtungen sind zwar nicht wertlos, denn Blutentzug, Nachblutung und gerinnungshemmende Bestandteile des Blutegelspeichels können lokal wirken.[1]

Damals fehlten jedoch moderne Verfahren wie die Duplexsonografie, moderne Antikoagulanzien und viele heutige gefäßmedizinische Verfahren. Besonders tiefe Venenthrombosen konnten auch schwere, sogar tödliche Komplikationen verursachen. Eine belastbare historische Sterblichkeitszahl lässt sich aus den zitierten Erfahrungsberichten zwar nicht ableiten, aber es ist davon auszugehen, dass diese wesentlich höher als heute war. Heute können wir Gefäßverschlüsse und Rückflussstörungen mit moderner Bildgebung genauer unterscheiden und vielfach gezielter, sicherer und wirtschaftlicher behandeln.[2–4]

2. Varikosis und chronisch-venöse Insuffizienz (CVI)

Vergleich einer gesunden Vene mit intakten Venenklappen und einer erweiterten Vene mit gestörtem Blutrückfluss

Unsere Venenklappen verhindern normalerweise, dass das Blut unter dem Einfluss der Schwerkraft in den Beinen zurückfließt. Die Waden- und Fußmuskelpumpe unterstützt beim Gehen und aktiven Stehen den Rücktransport zum Herzen: Durch komplexe interaktive Muskelanspannungen werden die Venen zusammengedrückt und das Blut nach oben transportiert. Intakte Venenklappen verhindern dabei den Rückfluss.

Im Falle eines Krampfaderleidens können familiäre Veranlagung, Veränderungen der Venenwand und Venenklappen sowie eine eingeschränkte Muskelpumpenfunktion zusammenwirken. Wenn die Venenklappen nicht mehr ausreichend schließen, fließt ein Teil des Blutes zurück. Der dadurch erhöhte Venendruck kann die Gefäße noch mehr erweitern und die Klappenfunktion zusätzlich verschlechtern.

Bewegungsmangel und langes unbewegtes Stehen oder Sitzen können diese Entwicklung beziehungsweise die Beschwerden verstärken. Schwellungen und längerfristig auch Hautveränderungen können die Folge sein.

Eine chronisch-venöse Insuffizienz (CVI) ist deshalb nicht allein ein kosmetisches Problem sichtbarer Krampfadern, sondern eine ernsthafte Störung des venösen Blutflusses. Frühere Thrombosen können ebenfalls zu einer chronischen venösen Funktionsstörung beitragen.[2,3]

3. Warum das Lymphsystem mitbetroffen sein kann

Zusammenhang zwischen erhöhtem Venendruck,
 Flüssigkeitsansammlung im Gewebe und Lymphabfluss

Bei venösem Überdruck steigt die Flüssigkeitsfiltration aus den kleinen Gefäßen ins Gewebe. Das Lymphsystem versucht zunächst, diese zusätzliche Flüssigkeit durch eine erhöhte Transportleistung abzutransportieren. Wird seine Reservekapazität aber dauerhaft überschritten, entsteht ein Ödem (Wassereinlagerung ins Gewebe).

Die chronische venöse Stauung kann außerdem entzündliche Haut- und Gewebeveränderungen fördern.

Bei Krampfadern besteht zusätzlich ein erhöhtes Risiko für oberflächliche Venenthrombosen. Diese müssen von entzündlichen Haut- und Gewebeveränderungen unterschieden werden, da sich eine oberflächliche Venenthrombose unter bestimmten Umständen auf das tiefe Venensystem ausdehnen und dadurch das Risiko einer Lungenembolie erhöhen kann.[2–4]

Ursachenbezogene und unterstützende Maßnahmen

Allgemeine Maßnahmen, die im Einzelfall geprüft und individualisiert werden müssen.

1. Funktionelle Therapie: die Muskelpumpe dauerhaft aktivieren

Im Mittelpunkt stehen regelmäßiges Gehen, häufige Bewegungswechsel, Wadenkräftigung, eine gute Sprunggelenksbeweglichkeit sowie eine funktionell aufeinander abgestimmte Muskeltätigkeit vor allem im Alltag.

Therapeutisch können Fußfunktion, Gangbild, Knie-, Hüft- und Beckenbeweglichkeit untersucht und bei funktionellen Einschränkungen gezielt trainiert werden.

Schwimmen und Wassergymnastik verbinden die Muskelaktivität mit dem hydrostatischen Wasserdruck. Dieser unterstützt den venösen Rücktransport und verlagert Flüssigkeit aus den Beinen in den zentralen Kreislauf. Dass wir nach längerem Aufenthalt im Wasser häufig vermehrt Wasser lassen müssen, hängt unter anderem mit dieser Flüssigkeitsverschiebung zusammen.

Regelmäßige kalte Beingüsse können zusätzlich das Gefäßsystem und das Gewebe reaktionsfreudiger machen. Trockene Hautbürstungen können ebenfalls zur ergänzenden Gewebepflege eingesetzt werden, sofern keine entzündlichen Hautveränderungen oder offenen Stellen bestehen.

Drei Gangphasen der Wadenmuskelpumpe: Fersenauftritt,
 Abdruckphase und Schwungphase mit Darstellung der Venenklappen

2. Bewährte medizinische und physikalische Maßnahmen

Gezielt eingesetzte Kompressionsbestrumpfung in Verbindung mit einer regelmäßig guten Muskelarbeit kann venöse Beschwerden und Ödeme oftmals wirksam vermindern. Manuelle Lymphdrainage kann bei geeigneter lymphatischer Mitbeteiligung ergänzen; bei chronischen venösen Ödemen ist Kompression in der Regel ein zentraler Bestandteil der Therapie.

Bei ausgeprägten Krampfadern und krankhaftem venösem Rückfluss kann eine gezielte ärztliche gefäßmedizinische Behandlung sinnvoll sein. Heute stehen dafür insbesondere endovenöse Verfahren wie Laser- oder Radiofrequenzablation, aber auch Schaumverödung, Phlebektomie und das klassische Stripping zur Verfügung.

Diese Verfahren können krankhafte Rückflusswege gezielt ausschalten und dadurch die venösen Druckverhältnisse nachhaltig verbessern. Die individuelle Veranlagung zu neuen Krampfadern bleibt allerdings bestehen. Deshalb sind regelmäßige physiologisch sinnvolle Bewegung und eine gut funktionierende Muskelpumpe auch nach einer erfolgreichen Behandlung besonders wichtig.[2,3]

Dennoch treten bei manchen Patienten im weiteren Verlauf erneut Krampfadern auf, gelegentlich auch nach mehreren Eingriffen. Das kann entmutigend sein. Umso wichtiger ist eine langfristige Behandlung, die nicht ausschließlich auf einzelne Eingriffe setzt, sondern auch Muskelpumpenfunktion, Bewegung, Kompression und individuell geeignete unterstützende Maßnahmen berücksichtigt.

Ein erneutes Auftreten von Krampfadern bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass die vorherige Behandlung erfolglos war. Häufig handelt es sich um neue oder bislang unbehandelte krankhafte Rückflusswege. Eine erneute gezielte Behandlung kann deshalb durchaus sinnvoll sein, ohne dass immer wieder ein größerer operativer Eingriff erforderlich wird.

3. Stoffwechsel, Ernährung und naturheilkundliche Ergänzungen

Pflanzenbetonte Ernährung,
 Omega-3-Fettsäuren und Mikronährstoffe im Zusammenhang mit Gefäß- und Gewebegesundheit

Eine abwechslungsreiche, überwiegend pflanzenbetonte Ernährung reich an Antioxidantien, ausreichend Eiweiß, angemessene Bewegung und Alltagsmobilität sowie gegebenenfalls Gewichtsreduktion unterstützen die allgemeine Gefäß- und Gewebegesundheit. Nachgewiesene Mikronährstoffmängel sollten gezielt ausgeglichen werden.[7]

Zur ergänzenden Behandlung venöser Beschwerden stehen verschiedene pflanzliche und andere venenaktive Wirkstoffe zur Verfügung. Dazu gehören beispielsweise Rosskastanienextrakt (Aescin), Rotes Weinlaub, Mäusedornwurzelstock, Diosmin/Hesperidin und Pycnogenol (Extrakt aus der französischen Meereskiefer).

Solche Phlebotonika können Schwellungen und den Knöchelumfang wahrscheinlich geringfügig reduzieren.[6]

4. Blutegeltherapie: ein begrenzter ergänzender Einsatzbereich

Blutegel können lokal Blut entziehen und eine Nachblutung auslösen. Ihr Speichel enthält zahlreiche biologisch aktive Substanzen mit gerinnungshemmenden und nachgewiesenen entzündungshemmenden Eigenschaften. Untersuchungen beschreiben kurzfristige Verbesserungen der Mikrozirkulation. Eine dauerhafte Korrektur von Venenklappeninsuffizienz, Reflux oder CVI ist allerdings auch hier nicht beschrieben.[1,5]

Bei einer oberflächlichen Venenthrombose (OVT) ist zunächst entscheidend, wie weit sich der Thrombus ausgedehnt hat, wie nahe er am tiefen Venensystem liegt und ob bereits eine tiefe Venenthrombose besteht.

Bei kleinen, lokal begrenzten und phlebologisch als risikoarm eingestuften Befunden kann eine lokale Behandlung ausreichend sein. In solchen Fällen kann auch eine traditionelle Blutegeltherapie zur ergänzenden Beschwerdelinderung individuell erwogen werden. Dabei handelt es sich um eine erfahrungsbasierte Anwendung, deren Nutzen und Risiken sorgfältig abzuwägen sind.

Nach abgeschlossener Thrombosebehandlung oder nach Stripping, Phlebektomie beziehungsweise Verödung werden Blutegel für verbliebene lokale Beschwerden diskutiert. Für diese Nachsorgeindikationen ist der klinische Zusatznutzen jedoch nicht ausreichend belegt; eine fortbestehende Blutverdünnung sowie Restthromben können auch gegen eine Blutegeltherapie sprechen.

Eine ausgeprägte aktive oberflächliche Venenthrombose (OVT) oder tiefe Venenthrombose (TVT) ist heutzutage keine geeignete Indikation für eine Blutegelbehandlung. Ein harter, schmerzhafter Venenstrang kann gerade Ausdruck einer oberflächlichen Venenthrombose sein. Diese kann sich über bestehende Venenverbindungen auf das tiefe Venensystem ausdehnen und damit das Risiko einer tiefen Venenthrombose oder Lungenembolie erhöhen.[4]

Medizinische Sorgfalt und Risiken

Wichtig: Bei neu aufgetretener oder wiederkehrender einseitiger Schwellung, Überwärmung oder Verdacht auf eine Thrombose ist eine zeitnahe ärztliche Untersuchung mittels Duplexsonografie notwendig, bevor eine ergänzende Blutegeltherapie erwogen wird.

Bei plötzlich zunehmenden Beschwerden ist die Untersuchung dringlich; Atemnot oder Brustschmerz sind ein Notfall.[4]

Da Termine bei Gefäßspezialisten häufig erst nach längeren Wartezeiten verfügbar sind, sollten bei einem konkreten Thromboseverdacht unbedingt andere zeitnah erreichbare Untersuchungsmöglichkeiten genutzt werden. Eine entsprechende Duplexuntersuchung kann beispielsweise über eine hausärztlich organisierte Akutabklärung oder eine geeignete gefäßmedizinische Einrichtung erfolgen.

Bei stabilen chronischen Beschwerden können die beschriebenen grundlegenden konservativen Maßnahmen begonnen werden. Nach ärztlicher Einschätzung kann auch die Blutegeltherapie erwogen werden.

Blutegelbisse können über viele Stunden nachbluten; diese Nachblutung gehört zur beabsichtigten therapeutischen Wirkung. Mögliche Risiken einer Blutegelbehandlung sind allergische Reaktionen, lokale Entzündungen und selten auch bakterielle Infektionen.

Schwerwiegende Infektionen haben wir in unserer Praxis während der vergangenen 15 Jahre nicht beobachtet. Allerdings kam es in Einzelfällen bei vorbestehender tiefer venöser Insuffizienz zu gut behandelbaren Unterhautentzündungen. Gerade bei chronisch gestautem oder vorgeschädigtem Gewebe ist deshalb besondere Zurückhaltung angebracht.

Besondere Vorsicht beziehungsweise ein Verzicht auf die Blutegeltherapie ist unter anderem bei Gerinnungsstörungen, gerinnungshemmenden Medikamenten, ausgeprägter Blutarmut, Immunsuppression und vorgeschädigter oder infizierter Haut erforderlich. Auch die Möglichkeit länger anhaltender Blutungen und bleibender kleiner Narben muss berücksichtigt werden.

Kosten und therapeutische Prioritäten

Eine Behandlung mit fünf Blutegeln kann heute deutlich mehr als 200 Euro kosten. Bei mehreren Sitzungen steigt die finanzielle Belastung erheblich, ohne dass damit eine ursächliche Behandlung des Venenleidens erreicht wird.

Häufig sind gezieltes Training, regelmäßige Bewegung, Kompression und eine angemessene gefäßmedizinische Behandlung langfristig die sinnvollere Investition. Die Kosten und der erwartbare Zusatznutzen sollten vor jeder Blutegelbehandlung offen besprochen werden. Hier finden Sie weitere Informationen zu unserer Blutegeltherapie

5. Individuelles Vorgehen und Verlaufskontrolle bei Venenbeschwerden

Zu Beginn werden die vorhandenen Befunde, die Art der Beschwerden, die Haut- und Ödemsituation sowie Muskelpumpenfunktion, Beweglichkeit und Alltag berücksichtigt.

Auch Laboruntersuchungen zu Stoffwechselparametern können bezüglich chronischer Entzündungen und oxidativem Stress hilfreiche Unterstützung bieten – je nachdem, welche therapeutische Konsequenz im Sinne einer Ernährungsverbesserung und Mikronährstoffversorgung daraus resultieren kann.

Nach einer gründlichen Erfassung der Ausgangssituation können dann grundlegende und ursachenbezogene Maßnahmen ergriffen werden sowie auch unterstützende symptomatische Behandlungen wie zuvor beschrieben.

Zur Verlaufskontrolle eignen sich beispielsweise abendlicher Unterschenkelumfang, Schweregefühl, Häufigkeit der Schwellungen, Gehbelastbarkeit und tatsächliche Bewegungsroutine. Bei ausbleibender Besserung wird die Strategie angepasst; neue Warnzeichen erfordern eine erneute medizinische Beurteilung.

Fazit

Eine chronisch-venöse Insuffizienz lässt sich nicht mit einigen Blutegeln oder sonstigen Wundermitteln heilen. Die moderne Diagnostik ermöglicht eine genaue Einordnung, und es stehen zahlreiche gezielte Behandlungen zur Verfügung, sowohl aus der modernen Gefäßmedizin als auch aus ergänzenden naturheilkundlichen Verfahren.

Im Mittelpunkt stehen die venöse Hämodynamik, die dauerhaft aktive Muskelpumpe, Kompression und individuell sinnvolle Ergänzungen.

Literatur und weiterführende Informationen

Illustration mit Fachbüchern zur Phlebologie,
 Blutegeltherapie,
 Leitlinien und klinischen Studien
  1. Müller IW. Handbuch der Blutegeltherapie. Kapitel zu Phlebitis und Thrombosen, S. 290–293. Historische Erfahrungen.
  2. ESVS (2022). Clinical Practice Guidelines on the Management of Chronic Venous Disease of the Lower Limbs. European Journal of Vascular and Endovascular Surgery.
  3. SVS/AVF/AVLS (2023). Clinical Practice Guidelines for the Management of Varicose Veins of the Lower Extremities. Leitlinie auf PubMed Central .
  4. ESVS (2021). Clinical Practice Guidelines on the Management of Venous Thrombosis.
  5. Rothenberger et al. (2016). Untersuchung zur Mikrozirkulation nach Blutegeltherapie in der rekonstruktiven Chirurgie. PubMed .
  6. Cochrane (2020). Phlebotonics for venous insufficiency. Cochrane Review .
  7. Rațiu et al. (2025). Oxidative Stress in the Pathophysiology of Chronic Venous Disease: An Overview. Antioxidants .

Autor

Jürgen Seibold , Heilpraktiker
Heilkundezentrum Midgard, Bremen

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und fachlichen Einordnung. Er ersetzt keine individuelle Anamnese, Untersuchung oder Diagnose. Beschriebene diagnostische oder therapeutische Überlegungen sind nicht automatisch auf den Einzelfall übertragbar.

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