Arthrose
Arthrose verstehen und ganzheitlich beeinflussen
Arthrose betrifft mehr als den Gelenkknorpel.
Auch Gelenkkapsel, Knochen, Muskulatur, Sehnen und Bänder können beteiligt sein. Hinzu kommen die tägliche mechanische Belastung, entzündliche Prozesse, Stoffwechsel, Regeneration und die individuelle Schmerzverarbeitung.
Wir bevorzugen deshalb eine mehrteilige Behandlungsstrategie. Im Mittelpunkt stehen nicht einzelne Mittel oder Methoden, sondern das Zusammenspiel aus sinnvoller Haltung und Bewegung im Alltag, individuell angepasster Bewegung und Kräftigung, manueller Behandlung sowie Ernährung und einer bei Bedarf gezielten Nährstoffversorgung.
Was ist Arthrose?
Arthrose wird häufig als „Verschleiß des Gelenkknorpels“ bezeichnet. Diese Beschreibung greift jedoch zu kurz. Heute wird Arthrose als Erkrankung des gesamten Gelenkorgans betrachtet.
Neben dem Knorpel können sich auch der darunterliegende Knochen, die Gelenkinnenhaut, die Gelenkkapsel, Bänder, Sehnen und die gelenkführende Muskulatur verändern. Zeitweise können entzündliche Reizzustände hinzukommen.
Schmerzen entstehen dabei nicht ausschließlich im Knorpel. Dieser besitzt selbst keine Schmerzfasern. Schmerzen können unter anderem aus Knochen, Gelenkkapsel, Gelenkinnenhaut, Sehnen, Muskeln und den umgebenden Nervenstrukturen entstehen.
Deshalb stimmen Röntgen- oder MRT-Befund und tatsächliche Beschwerden nicht immer überein. Manche Menschen bleiben trotz ausgeprägter struktureller Veränderungen erstaunlich belastbar, während andere bereits bei geringeren sichtbaren Veränderungen deutliche Beschwerden entwickeln.
Warum entsteht Arthrose?
Eine einzelne Ursache lässt sich häufig nicht feststellen. Meist wirken verschiedene Faktoren über längere Zeit zusammen. Dazu können gehören:
- frühere Verletzungen oder Operationen
- einseitige Belastungen und wiederholte Ausweichbewegungen
- eingeschränkte Beweglichkeit benachbarter Gelenke
- ungünstige Gelenkachsen oder angeborene Formveränderungen
- mangelnde Muskelkraft, Koordination oder Belastungsanpassung
- Alter und genetische Veranlagung
- Stoffwechselerkrankungen, Übergewicht und entzündliche Prozesse
Arthrose ist daher weder ausschließlich altersbedingt noch lediglich die Folge einer „falschen“ Bewegung.
Nicht nur das schmerzende Gelenk betrachten
Ein Gelenk arbeitet niemals vollständig unabhängig vom übrigen Körper. Seine Belastung wird durch benachbarte Gelenke und die gesamte Bewegungskoordination mitbestimmt.
Bei einer Hüftgelenksarthrose können beispielsweise die Beweglichkeit von Hüfte, Becken und Wirbelsäule sowie das Gangbild und die Abrollbewegung des Fußes zusammenwirken. Ist die Hüfte eingeschränkt, können Becken, Lendenwirbelsäule oder Knie einen Teil der Bewegung übernehmen.
Bei einer Schultergelenksarthrose können Brustwirbelsäule, Brustkorb und Schulterblattführung die Belastung beeinflussen. Eine eingeschränkte Aufrichtung oder Schulterblattbewegung kann dazu führen, dass das eigentliche Schultergelenk mehr Bewegung übernehmen muss.
Unser bewegungsphysiologischer Ansatz
Wir untersuchen deshalb nicht nur das Gelenk, an dem der Schmerz auftritt. Abhängig vom Befund betrachten wir auch benachbarte Gelenke, Wirbelsäule, Becken, Füße, Schulterblatt, Brustkorb sowie Haltung und Bewegungsabläufe.
Dieses Prinzip gilt auch für andere Beschwerdebilder: Ein Hallux valgus ist nicht ausschließlich ein Problem der Großzehe und bei einer Frozen Shoulder sollte nicht nur das Schultergelenk selbst betrachtet werden. Der Körper organisiert Bewegung in zusammenhängenden Bewegungsketten.
Bewegung beginnt im Alltag
Gezielte Übungen sind wichtig. Ein kurzes Übungsprogramm kann jedoch nur begrenzt helfen, wenn ein Gelenk während des übrigen Tages immer wieder ungünstig belastet wird.
Deshalb betrachten wir auch, wie jemand steht, geht, sitzt, greift, aufsteht oder Lasten bewegt. Kleine, häufig wiederholte Bewegungen können langfristig ebenso bedeutsam sein wie sportliche Belastungen.
Dabei geht es nicht um eine vermeintlich perfekte Haltung, die dauerhaft starr eingehalten werden soll. Sinnvoller sind variable, der jeweiligen Situation angepasste Bewegungen, eine möglichst günstige Lastverteilung und die Fähigkeit, zwischen Anspannung, Bewegung und Entlastung zu wechseln.
Ein arthrotisch verändertes Gelenk darf angemessen belastet werden. Vollständige Schonung kann zu einem weiteren Verlust von Muskelkraft, Beweglichkeit und Belastbarkeit führen. Entscheidend ist eine Belastungsdosis, die zum Gelenk, zum aktuellen Reizzustand und zur individuellen Leistungsfähigkeit passt.
Eine leichte und vorübergehende Reaktion nach ungewohnter Bewegung bedeutet nicht automatisch, dass das Gelenk geschädigt wurde. Deutlich zunehmende Schmerzen, neue Schwellungen oder Beschwerden, die bis zum nächsten Tag nicht wieder abklingen, können dagegen auf eine zu hohe Belastungsdosis hinweisen.
Welche Rolle spielt die manuelle Behandlung?
Individuell angepasste manuelle Behandlung kann dabei helfen, eingeschränkte Bewegungsräume wieder zugänglich zu machen, Muskel- und Gewebespannungen zu regulieren und Bewegung zunächst zu erleichtern.
Dabei behandeln wir nicht ausschließlich das schmerzende Gelenk. Abhängig vom Befund können auch Wirbelsäule, Becken, Füße, Schulterblatt, Brustkorb oder andere beteiligte Strukturen einbezogen werden.
Die manuelle Behandlung ersetzt jedoch nicht die aktive Veränderung. Dauerhaft stabilisiert werden neu gewonnene Bewegungsmöglichkeiten vor allem durch regelmäßige Bewegung, Koordination, angemessene Kräftigung und die Übertragung in den Alltag.
Die wissenschaftliche Evidenz spricht insbesondere bei Knie- und Hüftarthrose dafür, manuelle Maßnahmen nicht isoliert einzusetzen, sondern mit aktiver Bewegungstherapie zu verbinden. Ihr möglicher Nutzen liegt vor allem in einer zeitweisen Verbesserung von Schmerz und Beweglichkeit, durch die aktive Bewegung wieder leichter möglich werden kann.
Entzündung und oxidativen Stress berücksichtigen
Arthrose ist nicht ausschließlich ein passiver Verschleißprozess. Je nach Erkrankungsphase können Entzündungsreaktionen in der Gelenkinnenhaut sowie Veränderungen des lokalen Stoffwechsels an Schmerzen und Gewebeveränderungen beteiligt sein.
Auch oxidativer Stress wird als Teil des Krankheitsgeschehens untersucht. Reaktive Sauerstoffverbindungen sind dabei nicht grundsätzlich schädlich. Sie erfüllen wichtige Funktionen im Zellstoffwechsel, in der Immunabwehr und bei Anpassungsprozessen.
Problematisch kann ein dauerhaftes Ungleichgewicht zwischen oxidativer Belastung und körpereigenen Schutzsystemen werden. Daraus folgt jedoch nicht, dass möglichst hohe Dosen einzelner Antioxidantien eingenommen werden sollten. Antioxidative Substanzen wirken im Körper in komplexen Netzwerken.
Entzündungsregulierende Ernährung
Eine pflanzenreiche und möglichst wenig verarbeitete Ernährung liefert ein breites Spektrum antioxidativ und entzündungsregulierend wirkender Substanzen. Dazu gehören unter anderem Polyphenole, Carotinoide, Vitamin C und zahlreiche weitere sekundäre Pflanzenstoffe.
Praktisch bedeutet dies eine regelmäßige Verwendung von Gemüse, Kräutern, Gewürzen, Beeren und anderen geeigneten Obstsorten, Hülsenfrüchten, Nüssen, hochwertigem Olivenöl und geeigneten Omega-3-Quellen. Stark verarbeitete Lebensmittel, eine dauerhaft hohe Zuckerzufuhr und ungünstige Fettzusammensetzungen sollten dagegen begrenzt werden.
Eine mediterran geprägte Ernährung bietet dafür eine gut umsetzbare Grundlage. Ihre allgemeinen Vorteile für Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System sind gut belegt. Auch entzündungsbezogene Wirkungen sind biologisch plausibel. Die spezielle Wirkung auf Arthroseschmerzen oder das Fortschreiten einer Arthrose ist dagegen noch nicht abschließend geklärt.
Gewürze und Kräuter wie Ingwer, Kurkuma, Knoblauch, Rosmarin oder Zimt können die Ernährung sinnvoll ergänzen. Sie sollten nicht als einzelne Heilmittel betrachtet werden, sondern als Bestandteil eines langfristig günstigen Ernährungsmusters.
Körpergewicht und Stoffwechsel
Bei Knie- und Hüftarthrose kann eine Gewichtsreduktion bei bestehendem Übergewicht die mechanische Gelenkbelastung verringern. Gleichzeitig ist Fettgewebe stoffwechselaktiv und kann Botenstoffe freisetzen, die niedriggradige Entzündungsprozesse fördern.
Ein ungünstiger Stoffwechsel kann das Gelenkmilieu deshalb auch unabhängig von der reinen Gewichtsbelastung beeinflussen. Bewegung, Schlaf, Ernährung und Muskelmasse sind in diesem Zusammenhang nicht nur für das Körpergewicht, sondern auch für die Stoffwechselregulation bedeutsam.
Nicht jeder Mensch mit Arthrose ist jedoch übergewichtig. Eine Gewichtsreduktion ist deshalb kein allgemeingültiges Therapieziel.
Nährstoffe gezielt statt nach Schema
Für Knorpel, Knochen, Bindegewebe und Muskulatur werden unter anderem Eiweiß, Vitamin C, Vitamin D, Magnesium, Spurenelemente und essenzielle Fettsäuren benötigt. Daraus folgt jedoch nicht, dass bei jeder Arthrose automatisch Nahrungsergänzungsmittel erforderlich sind.
Zunächst sollten Ernährung, mögliche Mangelzustände, Medikamente, Vorerkrankungen und individuelle Belastungsfaktoren betrachtet werden. Bei begründetem Verdacht können ausgewählte Laboruntersuchungen sinnvoll sein.
Nahrungsergänzungen dienen dann entweder dem gezielten Ausgleich einer Unterversorgung oder einem zeitlich begrenzten individuellen Therapieversuch. Eine wahllose Kombination zahlreicher Präparate ist weder erforderlich noch automatisch wirksamer.
„Knorpelnährstoffe“ und Pflanzenextrakte
Präparate mit Glucosamin, Chondroitinsulfat, Grünlippmuschel, Hagebuttenextrakt oder bestimmten Kollagenformen werden häufig als „Knorpelnährstoffe“ bezeichnet. Diese Bezeichnung kann missverständlich sein: Ihre Einnahme bedeutet nicht automatisch, dass dadurch neuer Gelenkknorpel aufgebaut wird.
Die Studienlage ist uneinheitlich. Einzelne Untersuchungen und therapeutische Erfahrungen sprechen für eine mögliche Verminderung von Schmerzen oder eine Verbesserung der Belastbarkeit. Andere Studien konnten keinen klinisch bedeutsamen Vorteil gegenüber Placebo nachweisen.
Ein kontrollierter individueller Therapieversuch
Unter bereits verbesserten bewegungsphysiologischen und biomechanischen Bedingungen kann ein zeitlich begrenzter Versuch dennoch vertretbar sein.
Vor Beginn sollte festgelegt werden, welches konkrete Symptom sich innerhalb welchen Zeitraums verändern soll. Bleibt eine nachvollziehbare Wirkung aus, sollte die Einnahme wieder beendet werden.
Allergien, Medikamente, Vorerkrankungen und mögliche Wechselwirkungen müssen dabei berücksichtigt werden.
Hyaluronsäureinjektionen
Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil der Gelenkflüssigkeit. Injektionen in das Gelenk sollen deren Gleit- und Dämpfungseigenschaften unterstützen.
Bei einzelnen Patienten können Hyaluronsäureinjektionen Schmerzen vorübergehend vermindern und die Beweglichkeit erleichtern. Die durchschnittlichen Effekte in Studien sind jedoch eher klein und nicht zuverlässig vorhersehbar. Internationale Leitlinien bewerten die Methode unterschiedlich und empfehlen sie überwiegend nicht als routinemäßige Standardbehandlung.
Eine Hyaluronsäureinjektion baut keinen nachweislich verloren gegangenen Gelenkknorpel wieder auf. Sie kann allenfalls eine symptomatische Ergänzung darstellen. Ob ein individueller Versuch sinnvoll ist, muss ärztlich entschieden werden.
Stress, Schlaf und Regeneration
Schmerz wird nicht ausschließlich durch den sichtbaren Gelenkbefund bestimmt. Schlafmangel, anhaltender Stress, Erschöpfung, Angst vor Bewegung und die Erwartung von Schmerzen können Schmerzverarbeitung und Muskelspannung verändern.
Das bedeutet nicht, dass Arthroseschmerzen „nur psychisch“ verursacht sind. Vielmehr wirken Gelenk, Muskulatur, Nervensystem, Immunreaktionen und allgemeine Regulationsfähigkeit zusammen.
Ausreichender Schlaf, Erholungsphasen, geeignete Atem- und Entspannungsverfahren sowie ein angemessener Wechsel zwischen Belastung und Regeneration können deshalb Bestandteil einer umfassenden Strategie sein.
Wann ist eine weitere Abklärung wichtig?
Eine ärztliche oder weiterführende diagnostische Abklärung ist insbesondere erforderlich bei:
- einem Unfall, plötzlich einsetzenden starken Schmerzen oder einer deutlichen Funktionsminderung
- ausgeprägter Rötung, Überwärmung, Schwellung, Fieber oder allgemeinem Krankheitsgefühl
- neu auftretender Kraftminderung, Taubheit, Lähmungszeichen oder starken Ausstrahlungen
- anhaltenden Nacht- oder Ruheschmerzen, unerklärlichem Gewichtsverlust oder rascher Verschlechterung
- fehlendem Fortschritt oder zunehmenden Beschwerden trotz angepasster Behandlung
Auch entzündlich-rheumatische Erkrankungen, Gicht, Infektionen, Durchblutungsstörungen, Frakturen und andere Ursachen können Gelenkbeschwerden hervorrufen und müssen gegebenenfalls ausgeschlossen werden.
Was ist das therapeutische Ziel?
Das Ziel besteht nicht darin, möglichst viel Bewegung um jeden Preis zu erreichen oder jeden sichtbaren Gelenkbefund rückgängig zu machen.
Realistische Ziele sind eine schrittweise Verbesserung von:
- Schmerzen und Beweglichkeit
- Bewegungsqualität und Koordination
- Muskelkraft und Belastbarkeit
- Belastungsverteilung im Alltag
- Selbstständigkeit und eigenem Umgang mit den Beschwerden
Bereits entstandene strukturelle Veränderungen lassen sich nicht zuverlässig rückgängig machen. Gleichzeitig ist ein verändertes Gelenk nicht automatisch ein funktionsloses Gelenk. Auch bei fortgeschrittener Arthrose können sich Beschwerden, Belastbarkeit und Lebensqualität deutlich verbessern.
Die Behandlung ist deshalb selten eine einzelne Maßnahme. Sie ist ein längerfristiger Lern- und Anpassungsprozess, bei dem der Patient zunehmend versteht, welche Belastung seinem Gelenk hilft, welche es überfordert und wie er im Alltag selbst Einfluss nehmen kann.
Zur Rücken- und Gelenktherapie Patienteninformation als PDF
Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt eine von uns bevorzugte und fortlaufend weiterentwickelte Behandlungsstrategie. Wissenschaftlich gut belegte Grundlagen, biologisch plausible Ergänzungen und therapeutische Erfahrungswerte werden dabei gemeinsam betrachtet, ohne sie gleichzusetzen.
Die Information ersetzt keine individuelle Untersuchung oder Diagnose. Welche Maßnahmen im Einzelfall sinnvoll, unnötig oder kontraindiziert sind, hängt vom betroffenen Gelenk, dem aktuellen Reizzustand, Begleiterkrankungen, Medikamenten und der persönlichen Belastbarkeit ab.
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Fragen oder Terminvereinbarung: +49 421 43741098 oder Kontaktformular


