Ernährungsumstellung

 

Ernährungsumstellung: Erst einmal besser – aber warum?

Eine Arbeitsthese aus langjähriger Praxisbeobachtung

Seit vielen Jahren beobachte ich bei Ernährungsumstellungen ein interessantes Muster: Sehr unterschiedliche und teilweise nahezu gegensätzliche Ernährungsmodelle können zunächst zu einer deutlichen Besserung führen.

Doch was genau hat geholfen – und beweist eine Besserung bereits, dass auch unsere Erklärung dafür richtig war?

Bei Menschen, die ihre Ernährung auf vegan umstellten, konnte ich häufig zunächst Verbesserungen beobachten. Beschwerden nahmen ab, das Wohlbefinden stieg, teilweise verbesserten sich auch objektive Parameter. Bei manchen blieb diese Entwicklung bestehen, bei anderen relativierte sie sich im weiteren Verlauf.

Heute begegnet uns mit der Carnivore-Ernährung nahezu das Gegenteil: Pflanzliche Lebensmittel werden weitgehend gestrichen – und wieder berichten Menschen teilweise von erheblichen Verbesserungen.

Gegenüberstellung einer pflanzenbasierten und einer fleischbasierten Ernährung

Eine dritte Beobachtung gehört für mich dazu:

Über viele Jahre habe ich Patienten nach IgG-basierten Nahrungsmitteltestungen begleitet. Umfangreiche Tests führen zu umfangreichen Listen, zahlreiche Lebensmittel werden gestrichen – und nicht selten lautet die Rückmeldung:

„Mir geht es erst einmal besser.“

Genau dieses „erst einmal“ interessiert mich

Denn wenn sehr unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Ernährungsmodelle zunächst positive Effekte erzeugen können, stellt sich eine naheliegende Frage:

Wie viel dieser Verbesserung entsteht tatsächlich durch die spezifische Auswahl der Lebensmittel – und wie viel bereits dadurch, dass Ernährung und Essverhalten grundlegend verändert werden?

Die wissenschaftliche Literatur liefert hierfür interessante Anhaltspunkte. Für vegane Ernährung sind kurzfristige positive metabolische Veränderungen gut dokumentiert.[1] Auch bei Carnivore werden erhebliche Verbesserungen berichtet, wobei die wissenschaftliche Datenlage wesentlich schwächer ist und gleichzeitig mögliche Nachteile beobachtet werden.[2,3]

Ein bewusst überspitztes Gedankenexperiment

Was wäre, wenn wir uns zunächst drei Monate vegan ernähren und anschließend für einige Monate nahezu alle Pflanzen streichen und Carnivore essen?

Hätten wir allein durch zwei gegensätzliche Eliminationsphasen bereits einen erheblichen Teil jener Veränderungen erzeugt, die wir auch nach umfangreichen Nahrungsmitteltestungen beobachten?

Das ist kein Therapievorschlag, sondern ein Gedankenexperiment.

Denn eine größere Ernährungsumstellung verändert weit mehr als einzelne Lebensmittel.

Menschen beschäftigen sich plötzlich damit, was, wann und wie sie essen. Sie kaufen bewusster ein, lesen Zutatenlisten, kochen anders, verändern Mahlzeitenrhythmen und reduzieren möglicherweise ganz nebenbei hochverarbeitete Lebensmittel oder regelmäßiges Zwischendurchessen.

Dazu kommen häufig weitere Veränderungen: mehr Bewegung, Yoga, Stressreduktion oder therapeutische Maßnahmen. In unserer Praxis können beispielsweise Bitterstoffe, angeleitete Bauchmassage oder andere therapeutische Maßnahmen parallel eingesetzt werden.

Darstellung verschiedener gleichzeitig wirkender Einflussfaktoren bei einer Ernährungsumstellung

Wenn anschließend eine Besserung eintritt, ist diese Besserung durchaus real.

Aber was genau hat gewirkt?

Vielleicht liegt ein Teil des anfänglichen Erfolges umfangreicher Eliminationsdiäten nicht in der besonderen Präzision der vorausgegangenen Testung.

Vielleicht liegt ein Teil des Erfolges schlicht darin, dass sehr viel verändert wurde.

Deshalb wollen wir es anders machen

Genau hier stelle ich eine verlockende und vermeintlich schnelle Lösung infrage:

Blut abnehmen → Labor auswerten → Liste ausdrucken → Lebensmittel weglassen.

Das ist einfach. Aber Beschwerden nachhaltig zu verändern, ist selten so einfach.

Schematische Darstellung vom Labortest zu einer umfangreichen Liste ausgeschlossener Lebensmittel

Auch eine sinnvolle vegane oder Carnivore-Ernährung besteht nicht nur darin, bestimmte Lebensmittel zu streichen. Sie erfordert Beschäftigung mit Lebensmittelauswahl, Nährstoffversorgung und praktischer Umsetzung.

Warum sollte eine individuelle Ernährungstherapie aufgrund von Laborparametern weniger sorgfältig sein?

Aus langjähriger Praxiserfahrung verstehen wir Ernährungsumstellung – wie viele biologische Themen – als einen Prozess.

Zunächst schauen wir uns an, wie überhaupt gegessen wird: Mahlzeiten, Geschwindigkeit, Mengen, Rhythmus, Gewohnheiten und Beschwerden rund um das Essen.

Danach betrachten wir, was gegessen wird: Auswahl, Zusammensetzung, Verarbeitung und mögliche auffällige Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen.

Dann stellt sich die Frage, ob Nährstoffmängel oder andere funktionell relevante Auffälligkeiten vorliegen, die Beschwerden beeinflussen könnten. Laboranalysen können dabei sehr sinnvoll sein – aber mit einer konkreten Fragestellung und einer durchdachten therapeutischen Konsequenz.

Erst danach verändern wir gezielt.

Nicht alles gleichzeitig, sondern möglichst nachvollziehbar.

Und dann kommt der Teil, der bei einer einfachen, laborgestützten Verbotsliste häufig zu kurz kommt:

Wir beobachten den Verlauf.

Was verändert sich? Was bleibt gleich? Welche Begleitmaßnahmen wurden gleichzeitig durchgeführt? Bleibt eine Verbesserung bestehen?

Und schließlich werden Lebensmittel, soweit sinnvoll, gezielt wieder eingeführt.

Denn erst dann wird aus einer Ernährungsumstellung zunehmend eine individuelle Erkenntnis.

Darstellung einer gezielten Eliminationsdiät mit anschließender kontrollierter Wiedereinführung einzelner Lebensmittel

Und was bedeutet das für IgG-Nahrungsmitteltests?

Die wissenschaftliche Situation ist nicht schwarz-weiß.

Fachgesellschaften kritisieren die Interpretation nahrungsmittelspezifischer IgG- bzw. IgG4-Antikörper als Nachweis einer individuellen Nahrungsmittelunverträglichkeit.[4] Gleichzeitig existieren kontrollierte Studien, in denen IgG-gesteuerte Eliminationsdiäten bei bestimmten Patientengruppen positive Effekte zeigten.[5,6]

Interessanterweise zeigte eine Untersuchung bei migräneartigen Kopfschmerzen nach vier Wochen einen Vorteil, der nach zwölf Wochen nicht mehr signifikant war.[7]

Das führt wieder zu meiner Ausgangsfrage:

Es funktioniert erst einmal. Aber warum – und was passiert danach?

Ein klinischer Effekt einer IgG-gesteuerten Ernährungsumstellung beantwortet noch nicht automatisch die Frage, warum dieser Effekt eingetreten ist und welche diagnostische Bedeutung der gemessene Antikörper tatsächlich besitzt.

Eine anfängliche Besserung beweist deshalb nicht automatisch, dass der Test den ursächlichen Mechanismus oder genau die problematischen Lebensmittel identifiziert hat.

Die schnelle Lösung ist nicht unbedingt die bessere Lösung

Damit stellt sich auch die Kostenfrage.

Wenn ein strukturierter Prozess aus Ernährungsanamnese, gezielter Veränderung, Beobachtung und Wiedereinführung einen vergleichbaren oder sogar größeren Erkenntnisgewinn liefern kann, muss eine kostenintensive Labordiagnostik zeigen, welchen zusätzlichen Nutzen sie tatsächlich bietet.

Nicht gegenüber „gar nichts“.

Sondern gegenüber einer sorgfältigen, aber kostengünstigeren Vorgehensweise.

Gegenüberstellung einer schnellen kostenintensiven Labordiagnostik und eines schrittweisen Ernährungsprozesses

Unser therapeutischer Ansatz lautet deshalb:

Essverhalten verstehen → Lebensmittelauswahl prüfen → Versorgung und mögliche Mängel berücksichtigen → gezielt verändern → Verlauf beobachten → kontrolliert wieder einführen.

Das dauert länger als eine Blutentnahme.

Aber vielleicht liegt genau darin der entscheidende Unterschied:

Wir wollen keine Liste produzieren. Wir wollen herausfinden, was für den einzelnen Menschen tatsächlich relevant ist.

Quellen

  1. Landry MJ et al. (2023). Cardiometabolic Effects of Omnivorous vs Vegan Diets in Identical Twins: A Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open 6(11):e2344457. Kurzfristige metabolische Verbesserungen; begrenzte Studiendauer und mehrere gleichzeitig veränderte Einflussfaktoren.
  2. Lennerz BS et al. (2021). Behavioral Characteristics and Self-Reported Health Status among 2029 Adults Consuming a “Carnivore Diet”. Current Developments in Nutrition. Zahlreiche berichtete Verbesserungen; Beobachtungsdesign und Selbstselektion erlauben keine Kausalaussagen.
  3. Klement RJ, Matzat JS (2025). Subjective Experiences and Blood Parameter Changes in Individuals From Germany Following a Self-Conceived “Carnivore Diet”. Cureus 17(4):e82521. Kleine explorative Untersuchung mit positiven subjektiven Erfahrungen und unterschiedlichen metabolischen Veränderungen.
  4. Stapel SO et al. (2008). Testing for IgG4 against foods is not recommended as a diagnostic tool: EAACI Task Force Report. Allergy 63(7):793–796.
  5. Atkinson W et al. (2004). Food elimination based on IgG antibodies in irritable bowel syndrome: a randomised controlled trial. Gut 53:1459–1464.
  6. Singh P et al. (2025). A Novel, IBS-Specific IgG ELISA-Based Elimination Diet in Irritable Bowel Syndrome: A Randomized, Sham-Controlled Trial. Gastroenterology 168(6):1128–1136.e4.
  7. Mitchell N et al. (2011). Randomised controlled trial of food elimination diet based on IgG antibodies for the prevention of migraine like headaches. Nutrition Journal 10:85. Vorteil nach vier Wochen; nach zwölf Wochen kein signifikanter Unterschied der Kopfschmerzhäufigkeit mehr.

To be continued …

Das ist eine Arbeitshypothese und ein laufender Prozess.

Wir werden unsere Beobachtungen weiter systematisieren, wissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen und auch unseren eigenen Ansatz kritisch überprüfen.

Was sich bewährt, bleibt. Was sich nicht bestätigt, wird verändert.

Autoren

Jürgen Seibold, Heilpraktiker
Melanie Steffen, Ernährungsberaterin und Coach
Heilkundezentrum Midgard, Bremen

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und fachlichen Einordnung. Er ersetzt keine individuelle Anamnese, Untersuchung oder Diagnose. Beschriebene diagnostische oder therapeutische Überlegungen sind nicht automatisch auf den Einzelfall übertragbar.

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